Warum Fußball-Torwart die Komplexeste Aufgabe im Sport ist
- Thilo Pöpken
- 16. Mai 2025
- 6 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 29. Juli 2025
Schon des öfteren habe ich mir die Frage gestellt, welche Sportart die "schwierigste" auf diesem Planeten ist. Auch wenn es -das nehme ich mal vorweg- keine abschließende und wohl auch keine richtige Antwort auf diese Frage gibt, folgt hier ein kleines Plädoyer für die ganze Komplexität und Schwierigkeit des Torwartspiels.

Zunächst ist "schwierig" natürlich ein schwer zu definierender Begriff. Für diesen Gedankengang soll "schwierig" im Sinne von komplex und vielschichtig verstanden werden.
Jede Aktion im Torwartspiel und meines Erachtens auch jede Bewegungsaufgabe in jeder anderen Sportart, auf jeder erdenklichen Position, lässt sich in vier verschiedene Komponenten gliedern: Taktik, Technik, Athletik und Psyche/Mentalität. Dabei kommt jeder der Komponenten je nach Sportart eine höhere oder niedrigere Bedeutung zu. Eine Sportart wie Schach braucht höchste Fähigkeiten in Taktik und Psyche, während es beispielsweise beim Kugelstoßen augenscheinlich vor allem auf Technik und Athletik ankommt.
Nun möchte ich nach einer Art Ausschlussprinzip vorgehen, um die komplexesten Sportart zu küren: All diejenigen Sportarten, bei denen die Wichtigkeit einer der Komponenten sehr stark zu vernachlässigen ist, fallen aus dem Rennen um die "Krone der Schwierigkeit" raus. Hierzu würde ich zunächst alle Disziplinen der Leichtathletik zählen, bei denen Taktik so gut wie keine Rolle spielt. Als leichte Ausnahmen lassen sich möglicherweise die Disziplinen nennen, in denen mit dem eigenen Energiehaushalt "taktiert" werden muss (v.a. in den Laufdisziplinen). Jedoch gewinnt auch hier in den allermeisten Fällen der Sportler mit den besten athletischen Fähigkeiten und nicht derjenige, der die Komponente "Taktik" am besten gemeistert hat. Ähnliches gilt meiner Meinung nach für Kampfsportarten wie Boxen oder Judo, in denen "Taktik" eher im etwas weiter gefassten Sinne eine Bedeutung trägt ("Gebe ich sofort Vollgas? Lass ich meinen Gegner eher über rechts oder links angreifen?"). Hier spielt ein planmäßiges Vorgehen zwar auch eine nicht unwichtige Rolle, ist aber immer auch an die athletische Fähigkeiten eines Sportlers gekoppelt, damit der Plan auch umgesetzt werden kann.
Als nächstes müssen wir alle technischen Sportarten verabschieden, bei denen eine oder wenige Bewegungen perfektioniert werden müssen, z.B. Schwimmen, Golf oder Kanu fahren. Bleiben wir beim Beispiel Schwimmen: Ein Allround-Schwimmer muss Techniken lernen und beherrschen, sich sein Rennen taktisch einteilen, braucht diverse athletische Fähigkeiten und eine starke Psyche, um sich gegen seine Konkurrenten zu behaupten. Allerdings muss er in seinem Leben maximal vier Bewegungen perfektionieren: Brust, Schmetterling, Rücken und Freistil. Auch wenn es einzeln gesehen hochkomplexe Bewegungen sind, bei denen es zur perfekten Ökonomisierung Jahre braucht, sind es doch nur ein bis vier Bewegungen, die gelernt werden müssen.
Bleiben nun nur noch die Spielsportarten. Diese sind allein durch das Vorhandensein eines Gegners und dadurch immer neu entstehenden Situationen schon sehr vielfältig. Alle Spielsportarten sind stark taktisch geprägt und können durch eine hervorragende Taktik und Ausnutzen der Schwächen des Gegners in hohem Maße beeinflusst werden. Es müssen diverse, teils unorthodoxe oder neue Techniken angewendet werden, um sich einen Vorteil gegenüber dem Gegner zu verschaffen. Und natürlich ist der Sportler im Vorteil, der seinem Gegenüber athletisch und mental überlegen ist.
Doch wie kührt man nun den "Komplexitäts-Sieger"? Innerhalb der Spielsportler will ich nun meine Argumente für den Fußball-Torwart anbringen. Zunächst das vielleicht offensichtlichste:
Der Torwart muss Techniken mit den Händen und den Füßen erlernen. Das klingt vielleicht erstmal banal, ist aber ein ganz wichtiger Aspekt. Alle Spielsportler, die mir in den Kopf gekommen sind, müssen entweder Aufgaben mit ihren Händen lösen (Fangen, Werfen, Dribbeln, Schlagen z.B. im Handball, Basketball oder Tennis) oder aber mit ihren Füßen (Passen, Schießen, Dribbeln, z.B. im Fußball), niemals aber sowohl mit Händen als auch mit Füßen. Es gibt kleinere Ausnahmen, z.B. dürfen Volleyballer den Ball ja auch mit anderen Körperteilen als den Armen spielen und auch im Football gibt es vereinzelte Positionen, die Bälle fangen und kicken müssen ("Kicker" und "Punter"), allerdings in einen sehr begrenzten technischen Umfang.
Der Fußballtorwart muss hingegen sowohl in seiner "Hauptaufgabe Zielverteidigung" Techniken mit dem Händen (Fangtechniken, Ablenktechniken usw. ) und mit den Füßen (Fußabwehr, Block) erlernen, als auch im Offensivspiel, also dem Spiel mit dem Ball am Fuß (Pässe, Flugbälle) oder in der Hand (Abwürfe, Abrollen). Das Offensivspiel unterscheidet ihn zudem von Torhütern in anderen Sportarten, die wenig bis gar nicht abseits ihrer Kerntätigkeit "Bälle halten" agieren müssen (z.B. Keeper im Handball, Eishockey oder Feldhockey).
Zu der wichtigen Bereichen der Komponente "Taktik" zählen vor allem die Positionierung auf dem Feld, die Entscheidungsfindung und die Wahl der angewandten Technik. Hier entscheiden oft wenige Zentimeter oder Millisekunden darüber, ob ein Ball gehalten werden kann oder ins Tor geht. Zudem sind manchmal schnelle Wechsel der Taktiken notwendig, beispielsweise nach einer Flanke von der Raum- in die Zielverteidigung. Dies ist natürlich auch in anderen Sportarten der Fall und gilt nicht nur für Torhüter. Allerdings denke ich, dass die Komplexität der Torwart-Taktik im Vergleich zu anderen Sportarten und Positionen auf jeden Fall im obersten Regal angesiedelt ist, auch wenn ich natürlich keine so tief gehenden Primärerfahrungen in anderen Bereichen inne habe.
In Abgrenzung zu Torhütern anderer Sportarten ist zumindest die oben beschriebene Dualität von Defensiv- und Offensivtaktiken anzubringen. Hinzu kommt innerhalb der Defensivtaktiken die Raumverteidigung, die bei anderen Keepern ebenfalls eine bestenfalls untergeordnete Rolle spielt.
Dass der Fußballtorwart seine wohl wichtigsten "Waffen" -seine Hände- nur im Strafraum einsetzen darf, ist zudem ein nicht zu unterschätzender Faktor, der die Positionierung und Entscheidungsfindung im Vergleich zu anderen Sportarten deutlich erschwert. Sag beispielsweise mal einem Volleyballer, dass er im letzten Drittel des Feldes plötzlich seine Arme nicht mehr benutzen darf (natürlich ein etwas überspitztes Beispiel (: )!
Fehlen schlussendlich noch die Komponenten Athletik und Psyche. Im Bereich der Athletik sind eigentlich durch die Bank alle Spielsportarten mit hohen Anforderungen verbunden. Wenn wir Athletik mit den Bereichen Kraft, Schnelligkeit, Ausdauer, Beweglichkeit und Koordination beschreiben, erfordert das Torwartspiel -mit Ausnahme der eher unwichtigen Ausdauer- ein hohes Maß an Fähigkeiten in allen dieser Bereiche. Im Vergleich zu anderen Sportarten ragen vor allem die Entwicklung hoher Maximalkraft bzw. Sprungkraft sowie eine hohe Beweglichkeit für torwartspezifische Bewegungen heraus. Die Komplexität ergibt sich jedoch vor allem daraus, dass eigentlich alle Komponenten im hohem Maße (außer Ausdauer) ausgebildet werden müssen, um ein kompletter Torwart zu sein. Allerdings sehe ich die Komplexität im Bereich der Athletik bei einigen anderen Spielsportarten noch vor dem Fußball-Torwart, beispielsweise im Tennis oder Basketball.
Mental gesehen halte ich die Position des Torwarts für eine der schwersten in der ganzen Sportwelt. Einerseits ist man -anders als ein Einzelsportler- nicht nur für sich selbst, sondern auch für das gesamte Team verantwortlich, andererseits ist man positionsbedingt doch irgendwie ein Einzelkämpfer, dessen Leistung oft unabhängig von der gesamten Teamleistung bewertet werden kann. Das Schicksal eines jeden Torhüters -unabhängig von der Sportart- ist es natürlich, dass ein Fehler meist zu einem Gegentor oder Punkt für den Gegner führt. Allerdings trifft es hier den Fußballtorwart ganz besonders hart, weil Spiele oft knapp ausgehen, z.B. 0-1 oder 2-1. Hierdurch hat ein Fehler einen deutlich größeren Impact als beispielsweise bei einem Handballtorwart, der beim 28ten Gegentreffer vielleicht nicht gut ausgesehen hat.
Dies führt meiner Meinung nach zu einer großen mentalen Herausforderung als Fußballtorwart: Fehler führen nicht nur zu einer persönlichen Niederlage, sondern zu einer Niederlage für das gesamte Team, und diese Fehler können oftmals nicht mal korrigiert werden, wenn dies beispielsweise der einzige Schuss des Gegner auf das Tor war. Zudem können Torhüter nur in geringen Maß selber agieren und kreieren, sondern sind aufgabenbedingt reaktiv, was nach einem Fehler ebenfalls eine mentale Herausforderung darstellen kann, da man das Heft nicht "selbst in die Hand nehmen kann" um den Fehler zu reparieren, sondern auf eine mögliche nächste Chance warten muss.
Natürlich habe ich kein Fachwissen über alle Sportarten auf dieser Welt und auch keine objektiv messbaren Zahlen, um meine These, den Fußball-Torwart als "Schwersten Job im Sport" zu küren, zu belegen. Trotzdem glaube ich, dass das Torwartspiel in der Tiefe einfach so facettenreich und komplex ist, dass (fast) keine andere Sportart an diesen Schwierigkeitsgrad herankommt. Torwartliebhaber werden mir hoffentlich zustimmen, falls jemand seine Sportart oder Position in die Konversation um den Gewinner einbringen möchte, höre ich mir diese Gedanken auch gerne an!
Übrigens habe ich eine Art von Sportarten außer Konkurrenz gelassen: Sportarten, in denen ein Tier involviert ist, konkret die Reitsportarten. Einem Tier das beizubringen, was man als Mensch gerne abrufen möchte, halte ich auch für äußerst komplex. Bei den reinen "Menschen-Sportarten" bleibt der Fußball-Torwart für mich aber der Schwierigkeits-Meister!
Vielen Dank für Deine Zeit und Keep Improving!
Thilo


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